Lisetta Carmi

Kuratiert von: Giovanni Battista Martini
Opening: 4.4.2018, 19 Uhr
Giovanni Battista Martini wird anwesend sein.
Ausstellung: 5.4. – 5.5.2018

© Lisetta Carmi, cortesi galleria Martini & Ronchetti, Genova; exhibition at foto-forum, 2018

Lisetta Carmi: Der Wunsch zu „verstehen“

Lisetta wurde 1924 in Genua geboren und sie hat viel mit der Stadt gemein: die Nüchternheit zum Beispiel, die trockene Art, den freien Geist, die Randposition, die sie einnimmt, wobei sie gleichzeitig eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen Szene ist.
Für diese Ausstellung im foto-forum Bozen wurden fünf Themen ausgewählt, die sich zufällig alle auf ihre Heimatstadt beziehen, und die uns aber einen Hinweis darauf geben, wie ihre Arbeit als Fotografin niemals nur zufällig die Wirklichkeit beobachtet, sondern das Ergebnis einer präzisen Entwurfsabsicht ist.

© Lisetta Carmi, cortesi galleria Martini & Ronchetti, Genova; exhibition at foto-forum, 2018

Ein Beispiel dafür sind ihre 1964 im Hafen von Genua entstandenen Bilder, die eine der bedeutendsten Nachkriegsreportagen zum Thema Arbeit darstellen. Sie erfassen die tiefen und verborgenen Widersprüche zwischen der Stadt und ihrem Hafen.
Diese Bilder zeugen von der starken sozialen und kulturellen Identität der ligurischen Hauptstadt, die in den 60er und 70er Jahren die italienische Gesellschaft dieser Jahrzehnte widerspiegelte.
Die intensive Aktivität des Hafens wird durch eine Serie von Aufnahmen über die Hafenlandschaft mit den Docks, der Halle, den Schiffen – formell einwandfrei vom Standpunkt der Komposition – dokumentiert. Carmi konzentriert sich jedoch vor allem auf die schwierige Situation der Hafenarbeiter, die gezwungen sind, unter menschenunwürdigen Bedingungen zu arbeiten: wie der Phosphat-Ausstoß ohne irgendeinen Schutz oder das anstrengenden Bewegen der Güter.
Amüsiert erzählt Carmi, dass sie vorgab, eine Cousine eines der Hafenarbeiter zu sein, um das Hafengebiet zu passieren und die Arbeitsplätze dokumentieren zu können. „Ich wollte die schrecklichen Bedingungen aufdecken, unter denen sie arbeiten mussten. Die Hafenarbeiter stiegen auf die Kühlschiffe und trugen die gefrorenen Körper von Tieren auf ihren Schultern. Sie kamen aus der Kälte des Kühlraums in die Hitze und hatten dabei nichts, das sie schützte, sie legten sich Lumpen um ihre nackten Füße, und sie schoben sehr schwere Tag- und Nachtschichten.” 1 Das Ergebnis war eine Ausstellung, die von ihrer Freundin Enrica Basevi geleitet wurde, und die, nachdem sie der “Società di Cultura” von Genua ausgestellt war, durch mehrere italienische Städte zog, um schließlich in der UdSSR anzukommen.

Die lange „Erzählung“ in Bildern, die Lisetta Carmi innerhalb der Gemeinschaft der Transvestiten in der Altstadt von Genua unternimmt, beginnt am Silvesterabend 1965, als sie mit ihrem Freund Mauro Gasperini zu einer Party eingeladen wird, die von Mitgliedern der Gemeinschaft organisiert wurde. Nach jenem Abend, an dem sie einige Fotos schoss, teilt sie mit den Transvestiten Momente ihres täglichen Lebens, ihre Art, sich zu verkleiden, sich zu schminken, zu kochen und als Prostituierte zu arbeiten, angetrieben durch die feste Überzeugung, dass jeder das Recht hat, seine Identität zu bestimmen.
Sie trat mit Respekt, Verständnis und Liebe in ihre verborgensten Intimitäten ein. Ohne Voyeurismus und mit dem Ziel, jedem festgehaltenen Moment Würde zu verleihen.
Später, durch die wissenschaftliche Arbeit von Elvio Facchinelli, Psychiater und Psychoanalytiker unterstützt, ist diese Erzählung, nach mehreren gescheiterten Versuchen der Veröffentlichung, die Verwirklichung in Bildern in dem berühmt gewordenen Buch „I Travestiti“ zu sehen, das 1972 im Verlag Essedi mit der großzügigen finanziellen Unterstützung von Sergio Donnabella veröffentlicht wurde.
In dieser komplexen Arbeit hat Carmi die Geschichte der Fotografie auf das Zeitgenössische ausgerichtet: ihre klare, scharfe, glänzende Bildsprache war ihrer Zeit voraus, indem sie das schwierige Thema der Geschlechtsidentität, das in dieser Zeit nur Gegenstand von Überlegungen, Studien und Diskussionen im wissenschaftlichen Bereich war, in Angriff nahm und in den Vordergrund rückte.
In diesen Fotografien erkennt man Lisettas Blick: er scheint zunächst objektiv, aber in Wirklichkeit fordert er die Konventionen und den bürgerlichen Konformismus heraus. Ein Blick, der völlig frei von moralischen Urteilen ist und der es ihr erlaubte, Teil dieser geschlossenen und geheimen Welt zu werden. So nahm sie während vieler Jahre in aufrichtiger Freundschaft das schmerzhafte Privatleben wahr, ohne Effekthascherei.

© Lisetta Carmi, cortesi galleria Martini & Ronchetti, Genova; exhibition at foto-forum, 2018

Ebenfalls im Jahr 1965 wurde Carmi von der Gemeinde Genua mit der Dokumentation in den Krankenhäusern der Stadt beauftragt. Im Galliera-Krankenhaus fotografiert sie die Geburt eines Babys, wie es vor ihr wohl noch niemand getan hatte. Völlig die Rhetorik der Geburt ignorierend, positioniert sie das Objektiv frontal und dokumentiert in einer streng aufgeteilten Sequenz die Phasen der Geburt. Es sind starke und direkte Bilder, aber gerade deshalb so aufregend und unvergesslich.

Fasziniert von der außerordentlichen Natur des Staglieno-Friedhofs begann sie 1966 die monumentalen Skulpturen zu fotografieren, die die reiche Bourgeoisie im Genua des 19. Jahrhunderts bei talentierten Bildhauern in Auftrag gegeben hatten, um der Nachwelt ewiges Zeugnis ihres materiellen Reichtums und ihrer Werte zu geben. Ihre Fotografien fangen die große Sinnlichkeit ein, von der nackte Skulpturen oft durchdrungen sind, im Gegensatz zu anderen Bestattungsdenkmälern, deren „wahrheitsgetreue“ Abbildungen die wohlhabenden Gönner mit ihren Angehörigen in einer Hervorhebung des bürgerlichen Konformismus darstellt. Sie werden von derselben Fotografin als Spiegel der „… besonderen Lebensweise gesehen, eines von der Familie und religiösen Regeln unterdrückten Lebens, beklemmend, aber auch faszinierend für ihre Ehrlichkeit” 2 gesehen. Das fotografische Projekt trägt den Titel Erotismo e autoritarismo a Staglieno (Erotik und Autoritarismus in Staglieno) und wird erst 1974 in der renommierten Schweizer Zeitschrift „Du“ und 1975 in „Bolaffi Arte“ veröffentlicht.

Im Februar desselben Jahres fotografierte sie den Dichter Ezra Pound in Sant‘Ambrogio über der Stadt Rapallo. Das Treffen findet an der Schwelle seines Hauses statt und die Fotografin erinnert sich: „Wir sind angekommen, ohne zu wissen, dass er alleine im Haus war, krank. Nachdem wir geklopft hatten, öffnete er nach langer Stille selbst die Tür.” Ganze vier Minuten ist dauert dieses Treffens das in völliger Abwesenheit von Worten des Dichters stattfindet. Die Bilder dokumentieren diese Momente, die durch die zeitliche Synchronität der 20 Aufnahmen gekennzeichnet sind, die die langsamen Bewegungen von Pound beim Verlassen des Hauses erfassen, wie er kurz vor der Tür stehen bleibt, um dann wieder hineinzugehen und in der Dunkelheit des Innenraums zu verschwinden.
Zurück in die Dunkelkammer sagt Carmi: „In den Fotos fand man alles, was ich in Ezra Pound gesehen hatte. Von den 20 Aufnahmen wählte ich 12 Bilder, die am deutlichsten den Eindruck des Dichters vermittelten. (…) Einsamkeit, Verzweiflung, Aggression, der im Unendlichen verlorene Blick, alles, was in Worten schwer zu sagen ist, die dramatische Größe des Dichters“. 3
Die Verbreitung und das große Presseecho dieser Bilderserie sind fast unmittelbar: 1966 wurde ihr der renommierte Niepce-Preis für Italien verliehen. Im folgenden Jahr ist es wieder das Magazin „DU“, das in der Februar-Ausgabe vier Bilder des Dichters in einem umfangreichen, ihm gewidmeten Artikel veröffentlicht.
Wenige Monate später, in Italien, widmet die Avantgarde-Zeitschrift „Marcatre“, die von Eugenio Battisti gegründet wurde, in der Ausgabe 33, die vom Künstler und Dichter Magdalo Mussio kuratiert wurde, neunzehn Seiten.

Trotz ihres Wunsches, sich von der Welt fernzuhalten, wurde in letzter Zeit viel über Lisetta Carmi geschrieben, über die plötzlichen Wendepunkte ihres Daseins, die mittlerweile berühmten fünf Leben und die Beständigkeit, die diese wie ein roter Faden zusammengehalten hat. 4
Ich fotografierte, um zu verstehen – Lisetta wiederholte es immer wieder, und sicherlich ist die außergewöhnliche Empathie, die ihre Füße und Augen durch die Welt geführt hat, jener Wesenszug, der sie wohl am besten charakterisiert. Mit ihrem aufrichtigen und unkonventionellen Blick gab sie denen eine Stimme, die in einer Welt, in der Ungerechtigkeit und Unterdrückung herrschen, keine hatten.

Giovanni Battista Martini

 

 

1 Giovanna Calvenzi, Le cinque vite di Lisetta Carmi, Milano, Bruno  Mondadori Editore, 2013

2 Giovanna Chiti, Lisetta Carmi, Roma, Peliti Associati, 2013

3 Lisetta Carmi, Oltre i limiti del tempo e della visione, in L’ombra di un poeta. Incontro con Ezra Pound, ObarraO edizioni, Milano, 2005

4 Giovanna Calvenzi, Le cinque vite di Lisetta Carmi, Milano, Bruno Mondadori Editore, 2013

 

 

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